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Verbundprojekt


1. Ausgangssituation

Der Land- und Ernährungswirtschaft kommt in Niedersachsen eine besondere Bedeutung zu, weil:

  • Sie in Niedersachsen insgesamt der zweitwichtigste Wirtschaftszweig ist; im Nordwesten des Bundeslandes sogar der wichtigste. Dies bedeutet, dass das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen der in diesem Raum lebenden Menschen in hohem Maße von der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit dieses Wirtschaftszweiges abhängt.
  • Es im Nordwesten Niedersachsens in der Erzeugung tierischer Nahrungsmittel zur Ausbildung von räumlichen Verbundsystemen zwischen der vor- und nachgelagerten Industrie und der landwirtschaftlichen Primärproduktion gekommen ist, die nur wenige Parallelen auf der Erde haben. Damit erhält dieser Wirtschaftsraum im Rahmen des Bundeslandes eine internationale Bedeutung.
  • Zahlreiche Unternehmen der vor- und nachgelagerten Industrie hohe Exportanteile aufweisen und durch diese Marktausrichtung Arbeitsplätze sichern.
  • Die enge Verbindung zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Transfer und Beratung zur Ausbildung von Netzwerken geführt hat, die den wirtschaftlichen Erfolg des Wirtschaftsraumes erklären.

2. Problemfelder

Gegenwärtig zeichnen sich folgende Problemfelder ab:

  • Durch die zunehmende Globalisierung der Märkte für tierische Produkte sehen sich die Unternehmen in zunehmendem Maße Mitbewerbern aus Drittländern gegenüber, die in der Lage sind, diese Produkte zu deutlich geringeren Kosten zu erzeugen. Hierfür sind sowohl geringere Kosten für die einzusetzenden Produktionsmittel als auch deutlich geringere Lohn- und Lohnnebenkosten verantwortlich. Die daraus resultierenden niedrigen Produktionskosten haben aber den Nachteil, dass die supply chains länger und immer weniger transparent werden, was die Rückverfolgbarkeit erschwert.
  • EU Richtlinien und nationale Alleingänge im Tier- und Umweltschutz erschweren darüber hinaus die Wettbewerbsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe und Verarbeitungsunternehmen.
  • Die hohe Verdichtung von Primärproduzenten und Verarbeitungsbetrieben hat zu beträchtlichen Problemen in der umweltverträglichen Verwertung der anfallenden biogenen Rest- und Abfallstoffe geführt. Die Hochverdichtungsräume der Nutztierhaltung sind mit einem beträchtlichen Risiko bezüglich der Einschleppung und Ausbreitung hochinfektiöser Tiererkrankungen ausgestattet. Im Hinblick auf die atypische Geflügelpest (avian influenza) kann von ihnen auch eine Gefährdung für die Wohnbevölkerung ausgehen.
  • Veränderte sozioökonomische Rahmenbedingungen und ein verändertes Kaufverhalten der Konsumenten machen es notwendig, neue Produkte zu entwickeln und auf dem Markt anzubieten.
  • Reale und vermeintliche Lebensmittelskandale sowie die noch vorhandene Umweltbelastung aus der intensiven Tierproduktion haben dazu geführt, dass in der Gesellschaft eine zunehmend kritische Haltung gegenüber tierischen Nahrungsmitteln, insbesondere Fleisch, sowie deren Produktionsformen entstanden ist.
  • Die vorgenannten Problemfelder haben bewirkt, dass auch in den Hochverdichtungsräumen die Akzeptanz einer intensiven Tierproduktion abgenommen hat und deshalb der Erhalt dieses für Niedersachsen wichtigen Wirtschaftszweiges gefährdet ist.

3. Herausforderungen

Landwirtschaftliche Primärproduzenten und die Verarbeitungsindustrie sehen sich folgenden Herausforderungen gegenüber, auf die reagiert werden muss, wenn sie sich in Zukunft auf enger werdenden Märkten behaupten wollen:

  • Die Globalisierung der Märkte macht es notwendig, Betriebsgrößen und Organisationsformen der Erzeugung und Vermarktung von tierischen Nahrungsmitteln zu schaffen, die in der Lage sind, sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten.
  • Um den Forderungen nach hoher Produktqualität und Produktsicherheit begegnen zu können, sind in allen Zweigen der tierischen Produktion vertikal organisierte Produktionssysteme (defined supply chains) zu installieren, die eine lückenlose Dokumentation des Produktionsvorganges gestatten.
  • Um die Gefahr der Einschleppung und Ausbreitung hochinfektiöser Tierkrankheiten zu verringern, ist von einer kurativen Behandlung einzelner Tiere zu einer präventiven Betreuung von Beständen und ganzer Produktionsgebiete (z.B. planmäßiges Monitoring zur Früherkennung von Erregereinschleppungen) überzugehen.
  • Die Lebensmittelsicherheit wird gegenwärtig durch beim Tier klinisch latente Erreger gefährdet, die mit den traditionellen Methoden der Endproduktkontrolle nicht erkennbar sind. Daher ist der Ansatz einer sukzessiven Verminderung des Eintrags von Infektionserregern in die Lebensmittelkette zu verfolgen.
  • Unternehmen der Erzeugung und Verarbeitung tierischer Nahrungsmittel in Hochverdichtungsräumen werden nur dann auf Dauer wettbewerbsfähig sein, wenn sie den Nachweis erbringen können, dass sie die Produktion umweltverträglich gestalten können. Bestehende Belastungen der Umwelt sind im Rahmen der vorhandenen technischen Möglichkeiten zu reduzieren und neue Verfahren sind zu entwickeln, um die Belastungen zu minimieren.
  • Auch sind neue Produkte zu entwickeln, die den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und dem damit verbundenen Wandel in der Nachfrage begegnen.
  • Es ist die Akzeptanz für land- und ernährungswirtschaftliche Investitionen im gesellschaftlichen Umfeld zu sichern, damit die landwirtschaftlichen Betriebe und mit ihnen die Kette, in die sie eingebunden sind, auch angesichts veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen dauerhaft entwicklungs- und wettbewerbsfähig bleiben.
  • Die vorgenannten Aspekte kennzeichnen den Nachhaltigkeitsbegriff, wie er im Rahmen dieses Verbundprojektes verstanden wird, nämlich seine ökonomische, ökologische und soziale Dimension.
  • Durch gezielte Dialoge sind die vielschichtigen Aspekte der Erzeugung qualitativ hochwertiger, sicherer und kostengünstiger tierischer Nahrungsmittel in vertikal organisierten Wertschöpfungsketten der Öffentlichkeit zu vermitteln.

4. Ziel des Verbundprojektes: Ein neues Leitbild

Ziel des Projektes sollte die Entwicklung eines neuen Leitbildes für die Erzeugung tierischer Nahrungsmittel in Niedersachsen sein. Folgende Elemente könnten Gegenstand der Leitbilddiskussion sein, die sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen und sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit ausgewogen berücksichtigt.

Nachhaltige Tierproduktion kennzeichnet:

  • Formen der Nutztierhaltung und der Organisation von Wertschöpfungsketten, die darauf ausgerichtet sind, qualitativ hochwertige Produkte für den menschlichen Verzehr und/oder die nachgelagerte Industrie zu erzeugen.
  • Eine Produktion, die das natürliche Verhalten der Nutztiere und ihr Wohlergehen berücksichtigt. Alle Schritte des Produktionsvorganges werden kontrolliert und dokumentiert, um die Herkunft des Produktes nachvollziehen und seine Sicherheit garantieren zu können. Die Produktion findet in weitgehend regional organisierten Produktionssystemen statt, um lange Tiertransporte unnötig zu machen und das Seuchenrisiko zu minimieren.
  • Die Aufrechterhaltung der Tiergesundheit innerhalb größerer Produktionsräume durch standardisierte Tiergesundheitsprogramme. Hierbei sind neue Wege in der Haltung der Nutztiere, der Seuchenhygiene und der Impfprophylaxe zu beschreiten.
  • In Verbindung mit der pflanzlichen Erzeugung die Konzeption und Implementation geschlossene Nährstoffkreisläufe auf lokaler bzw. regionaler Ebene. Die Produktion innerhalb der gesamten Produktionskette ist so zu organisieren, dass negative Auswirkungen auf Boden, Wasser und Luft möglichst gering gehalten werden, um langfristig eine hohe Bodenqualität zu sichern und den Lebensraum der Menschen nicht zu gefährden.
  • Ein hoher Grad an Lebensmittelsicherheit auf allen Ebenen des Produktionsprozesses, beginnend bei der Abgabe an den Verbraucher über die Gewinnung des Fleisches bis hin zur Primärproduktion. Die Anforderungen an Qualität, Sicherheit und Preis müssen durch übergreifende Maßnahmen zum Nutzen des Verbrauchers aber auch der Wettbewerbsfähigkeit in Einklang gebracht werden.